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Rezension “Angst vor Männern” von Nicole List

  • Writer: katjamoi
    katjamoi
  • Mar 20
  • 5 min read

Updated: Mar 21

Buchcover von "Angst vor Männern" von Nicole List
Nicole List, Angst vor Männern

Wien, 8. März 2026. Anlässlich des Weltfrauentages werden im Radio “starke Songs von starken Frauen” gespielt. Zwischen 6 und 19 Uhr sind ausschließlich Interpretinnen ausgewählt worden. Die Moderatorin spricht über Diana Ross, und wie sie in den 60ern und 70ern eine misogyne Musikindustrie zum Besseren verändert hat, indem sie sich zum Beispiel aktiv in Vertragsverhandlungen einbrachte und für eine bessere Bezahlung der Sängerinnen und Musikerinnen kämpfte. Das Lied das dann ihr zu Ehren gespielt wird ist “Upside Down”. Im Text zur fröhlichen Melodie beschreibt Ross die dysfunktionale Beziehung zu einem Mann der sie betrügt und kontrolliert, und in was für eine Gefühlshochschaubahn sie das treibt.


Gerade ist das Buch “Angst vor Männern” von Nicole List im Wasser Verlag erschienen. Es ist ein Buch das es eigentlich gar nicht geben sollen dürfte. Aber die Welt ist nunmal so wie sie ist, und diese Tatsache macht diesen Essay hochbrisant und notwendig.


Im richtigen Leben eine Buchhändlerin und Unternehmerin, widmet sich Nicole List mit eindringlichen Worten der Angst die sie vor (cis) Männern verspürt, und erklärt auch deutlich, woher diese kommt. Sie hat ihr Urvertrauen schleichend verloren und beschreibt illustrierend zahlreiche Begebenheiten - wie sie tatsächlich jede Frau die ich kenne, mich eingeschlossen, bereits erlebt hat: verfolgt werden am Heimweg, eine ungewollte Hand unterm Rock, blöde Sprüche die einschüchtern, von jemand der dir augenscheinlich nichts Gutes will. Business Meetings, die sich plötzlich unangenehm anfühlen nach einer unerwarteten Aussage eines Teilnehmers zum Outfit oder Körperbau einer anwesenden Frau, Beschimpfungen via DM wenn man nicht die gewünschte Aufmerksamkeit schenkt, sexuelle Anspielungen die nicht zum Kontext des Gesprächs passen – alles ebenfalls schon erlebt. Und dabei kann ich mich auch noch glücklich schätzen dass ich für eine Frau sehr gross und mit relativ viel Selbstvertrauen gesegnet bin. Männer haben eher die Tendenz vor mir wegzulaufen, aber auch ich bin nicht verschont geblieben vor obszönen Andeutungen und unangenehmen Berührungen. Und einmal, da lag ich am Boden mit einem Gürtel um den Hals und dachte, ich sollte wohl besser mit meinem Leben abschliessen.


Eigentlich bin ich es leid, solche Geschichten lesen zu müssen, denn verdammt wir leben im Jahr 2026 und die Geschlechtergleichberechtigung ist verfassungsrechtlich verankert seit 1998. Und wahrscheinlich kommen jetzt wieder ganz viele Männer daher mit “ihr blöden Emanzen”, “das kann man doch nicht so verallgemeinern”, und “ihr wollt doch bitte nicht behaupten dass alle Männer so sind”. Also ja. Es sind nicht alle Männer so. Aber alle - und damit meint List Täter - sind Männer.


Zwischen ihren - zum Teil richtig furchtbaren - Erlebnissen (Triggerwarnung: häusliche Gewalt) zitiert List etliche Studien, die in ihrer Nüchternheit erschrecken: dass in Österreich jede 5. Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren hat. Psychische Gewalt durch ihren (Ex-) Partner haben 38% der Frauen erlebt. Dass die Hälfte aller Frauen zumindest manchmal aus Angst vor körperlichen oder sexuellen Übergriffen bestimmte Situationen oder Orte meidet. Das ist eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Frauen, und irgendwie scheint das der Normalzustand zu sein.


Kein einziger Femizid ohne Vorwarnung, habe ich im Ohr. Und wir Frauen sind vorgewarnt, deshalb ist es auch nicht verwunderlich dass auf die Frage, ob man als Frau lieber mit einem Mann oder einem Bären allen im Wald wäre fast zu 100% die Antwort kommt: mit einem Bären. Vor dem kann ich mich verstecken, oder vielleicht kann ich davonlaufen. Der ist ein wildes Tier, und dahingehend auch berechenbar, bei Männern weisst Du oft nicht, ob Du Dich fürchten sollst oder nicht. Im Zweifel eher fürchten. Auch ich würde den Bären zu 100% einem Mann vorziehen.


Saloniki, 22. Februar 2026. Heute wäre mein Vater 80 Jahre alt geworden. Ich denke daran was für ein Mann er war, er der nie im Haushalt geholfen hat und ausser Eierspeise und Butterbrot nichts kochen konnte. Dass er immer sagte „wir können es uns leisten dass meine Frau nicht arbeiten gehen muss“ und es dabei nie zur Diskussion stand ob meine Mutter vielleicht etwas anderes sein wollte als Hausfrau, und in ihren erlernten Beruf zurückkehren nachdem ich aus „dem Gröbsten raus“ war. Meine Eltern haben mir ein extrem traditionelles Bild von Beziehungen vorgelebt, aber dennoch (beide!) unermüdlich gepredigt dass ich studieren und einen ordentlichen Beruf ergreifen sollte, damit ich ja unabhängig bleiben könne. Dass aus mir kein #tradwife geworden ist finde ich manchmal wirklich verwunderlich. 

 

Gerade habe ich die Fahnen von Nicoles Buch fertiggelesen. Ich klappe mein iPad zu und bin nicht überrascht über die Tränen, die mir die Wangen hinunterlaufen. Was ich gelesen habe trifft mich auf eine ganz persönliche Weise mitten ins Herz: ich will nicht, dass eine Frau so etwas erleben und erleiden muss wie die Autorin. Gerade nicht eine Frau wie die Autorin, denn ich kenne Nicole als meine kompetente Buchhändlerin, eine erfolgreiche junge Geschäftsfrau, die sehr aktiv auf Social Media ist und deren fröhliche Postings über ihren Alltag in der Buchhandlung mein Leserinnenherz entzücken. Und jetzt hat sie DIESES Buch geschrieben, und mir fällt wieder ein wie vielen Frauen man nicht ansieht dass sie Gewalt in der Beziehung erleben, dass sie kontrolliert werden, dass sie von fremden Männern verfolgt, begrapscht, und verbal sowie physisch attackiert werden. Von aussen ist es oft schwer zu erkennen, weil uns Frauen oft eingeredet wird dass das alles normal ist, man sich nicht so anstellen soll, oder dass man es vielleicht sogar verdient hätte. Im Buch, auf Seite 74, steht es ganz deutlich: „Sie töten uns“. Das meint die Neo-Autorin sowohl im eigentlichen wie auch im übertragenen Sinn: „Sie töten uns langsam. Es ist ein Tod auf Zeit. Nicht mit Messern. Mit der Müdigkeit, die entsteht, wenn wir in einem System leben, das uns benachteiligt, weil wir Frauen sind.“


List vergisst auch nicht die sanfte Gewalt der Weigerung vieler Männer, Care-Arbeit und ähnliche häusliche Verantwortungen zu übernehmen, und beschreibt die Debatte um die “mental load” in Beziehungen als “ermüdend und zermürbend”. Jeden Tag, schreibt sie, leisten Frauen “knapp 4,5 Stunden unbezahlte Arbeit - das sind täglich in etwa 2 Stunden mehr als Männer”. Damit aber nicht genau, denn das bedeutet, dass Frauen nur für ca. 40% ihrer gesamten Arbeit entlohnt werden. Das ist bitter, aber Realität.


Wir haben es alle erlebt. Eines ist Nicole List wichtig: dass keine Frau, die etwas Ähnliches erlebt hat glauben muss, sie wäre (damit) allein. Wir können uns gegenseitig stützen und tragen, und ihr Buch ist ein Stein auf den wir steigen können auf dem Weg in eine sichere Zukunft.


Salzburg/Wals, 1. März 2026. Ich ziehe meine Bahnen im Pool und spüre den Widerstand des Wassers wenn ich untertauche. Ich überlege ob der Widerstand gegen den Feminismus irgendwann weniger werden wird. Am Abend, im Familiensektor eines Fußballstadions, höre ich kleine Buben die gegnerischen Spieler mit frauenverachtenden Ausdrücken beschimpfen. Der danebenstehende Vater, den ich damit konfrontiere, lächelt nur milde. 

 

Es ist an uns allen, etwas zu tun, eine Veränderung herbeizuführen und gegen die unterschwellige Misogynie vorzugehen. Das auch den Kindern vorzuleben, damit Aussagen wie die im Stadion nicht nur bei mir Wut und Gegenwehr erzeugen – und am besten natürlich von den umstehenden anderen Männern angesprochen werden, und den Buben erklärt wird: „So reden wir nicht, das kannst Du Dir gleich merken, junger Mann. Wir sind nicht so.“ Oder dass sexistische Sprüche in einer Männerrunde abgestellt werden. Mir ist bewusst, das ist noch ein weiter Weg, aber zusammen schaffen wir das. Bücher wie dieses helfen uns dabei.


Wien, 8. März 2026. Anlässlich des internationalen feministischen Kampftages bestelle ich 5 weitere Exemplare von “Angst vor Männern” für meine Freundinnen.




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